TIME TO GET UP!

Es  ist  einer der letzten trockenen Tage in Hamburg. Kurz bevor die Wolkenschleusen so richtig geöffnet werden und man in den Strassen fast ertrinkt. Eve und ich schwingen uns aufs Rad und fahren runter zu den Elbbrücken, um die Macher von Getting Up in ihrem Atelier zu besuchen. Die Jungs konzipieren und realisieren Projekte im Graffiti-Bereich.


Wir betreten große Räume mit hohen Decken und tricky Podesten. Eve und ich sind derbe gestoked. In der Chill-Ecke mit Blick auf die City, machen wir es uns mit den Jungs gemütlich und rauchen die erste Sportzigarette. Sinn und Zweck des Treffens -  einige persönliche Gespräche mit Stohead, Daddy Cool, Daim und Tasek. Alles kommt ganz anders und so wird aus dem Personal Talk eher einer dicker Sechser im Gespräch.
 

Namen sind Schall und Rauch?
Die Jungs malen schon einige Zeit mit ihrem gleichen Namen, was ja auch ganz clever ist, hat man sich erstmal einen gewisses Maß an Fame erarbeitet. Bei Daim ging es im Endeffekt nur um die Buchstaben die Ihm wirklich gut liegen. Man könnte auch von Lieblingsbuchstaben sprechen. Tun wir auch! Bei Mirko war es diese Konstellation (D.A.I.M.), unabhängig von jedem Schokoladen-Shit. Ähnlich verhält es sich bei den anderen Headz. Ausser man hat das ganze Alphabet drauf. Kommt vor. Trendy ist neuerdings, mit seinem bürgerlichen Namen zu unterschreiben. Dies gilt dann aber vornehmlich für Leinwandarbeiten. Aber merke: Trendy ist nicht auch immer gleich cool. Doch das eine ist für die offizielle Identifikation und das andere für die Wurzeln. Denn in der Graffiti-Subkultur gibt es eine klare und recht tiefe Verbundenheit zu Pseudonymen. Christoph Hässler klingt wohl auch etwas hart, rustikal und so gar nicht nach einem derben Graffiti-Artist. STOHEAD rockt da schon um einiges mehr! Bei Ausstellung ist es aber gar nicht so unschlau auch mit seinem richtigen Namen präsent zu sein. Sollen die Leute  doch wissen, von wem genau die Kunst ist und an wen das Geld für das Bild geht, sofern der Artist bereit ist, seine Arbeit zu veräussern. Allerdings können nicht wenige Leute nur schwer nachvollziehen, was für ein finanzieller und organisatorischer Kraftakt es  ist, große Graffiti-Ausstellungen auf die Beine zu stellen. So geschehen im Sommer 2000 und 2001 in Hamburg.
 

Passend präsentieren
Dann gibt es noch diese bestimmte Erwartungshaltung. TASEK ist da, also gibt´s auch tasty Tasek styles. Dieser will aber so gar nicht die Erwartung erfüllen, sondern setzt sich eher mit sich selbst und seiner Umgebung auseinander und filtert seine Essenz heraus. Der Geist will geöffnet, der Horizont erweitert werden! Man sollte keine Angst davor haben, mit seinem eigenen Stil zu brechen. Spannend ist es auf jeden Fall zu sehen, wie die Leute reagieren oder auch nicht reagieren. Das Einnehmen neuer Betrachtungs- Positionen, das ist es, was die Getting Up Mannen fördern.


Auch auf die Gefahr hin, erst einmal gar nicht von den anderen verstanden zu werden. Die vier netten jungen Herren von Getting Up möchten durch selbst organisierte Ausstellungen eine adäquate Präsentationsebene auch für andere Künstler schaffen. Und dafür muß einiges getan werden. Schließlich sind das Kunst- und Kulturereignisse und nicht HipHop Jams, bei denen in irgendeiner Ecke ein paar Leinwände gemalt werden, die nach zwei Stunden sowieso wieder weggekarrt werden. Hierbei geht es nun auch mehr um Kunst- und Kultursponsoring als um dicke Banner und derbes Logogeballere. Auch wenn man deren Kohle braucht, um sich Location und Materialien leisten zu können. Dabei legt man locker den Gegenwert von ein bis zwei Kleinwagen auf den Tisch. Doch mehrere hundert Quadratmeter Holzwände und eine geeignete Location sind kein Luxus, sondern schlichtweg ein Muss für eine angemessene und professionelle Ausstellung. Das nötige Geld dafür möchte man aber nicht durch die Auftrags-Annahme von Firmen reinholen, sondern versucht angemessene Sponsoren zu finden. Dazu gehört leider auch die ganze Palette an Business-Scheiss, den man als sein eigener Manager checken muss, bevor man sich an die Leinwand hängt und malt. Das ganze geht bei der Visitenkarte los, weiter mit Websites und endet mit dem ganzen trockenen, todeslangweiligem Bürokram. Der ganze Stress hat den Vorteil, dass man relativ unbefangen und auf die eigene Art und Weise an neue Sachen rangehen kann. Und zwar straight, focussiert und ohne irgendwelche Umwege. Ganz nach dem MiniMax-Prinzip: Minimieren, um das Maximale rauszuholen. Dass so etwas ganz unabhängig und autark funktionieren kann, lässt sich am Beispiel der vier Atelier-Besitzer gut beweisen.
 

Go Support
Durch seine Connections hat Getting Up fähige Künstler supporten können. Keramik und Discom aus Österreich konnten schon davon profitieren. Die beiden nahezu Unbekannten bekamen die Möglichkeit, ihr Können unter Beweis und in eine Exhibition zu stellen. Für die Hamburger ist damit ein seltener Kontakt ins Donau- Nachbarland entstanden. Ähnlich verhielt es sich vor drei Jahren mit OS GEMOS aus Brasilien. Die kannte eigentlich auch kein Schwein. Doch with a little help from their friends sind sie mittlerweile fast Stars. Wer jetzt meint, Getting Up würden irgendwelche künstlichen Hypes initiieren, irrt sich mal ordentlich.


Es werden einfach echte Talente entdeckt und gefördert, beispielsweise durch Austellungen. Diese setzten Zeitzeichen und die konsequente Entwicklung dieser Kunstform wird für einige Tage eingefangen. Dadurch wird sie für alle offenen und nicht offenen Leute da draussen festgehalten und erlebbar gemacht. Doch bei aller Förderung und Aktivität ist Getting Up eines bestimmt nicht: eine Event-Agentur oder ein Graffitikünstler-Management.

Makin´ a Living
Auf der anderen Seite stehen die Auftragsarbeiten, welche immer noch einen grossen Teil des Lebens der vier Künstler bei Getting Up bestimmen. Die Zeiten der unbequemen Aufträge sind for god´s sake vorbei. Auftraggeber in spe treten meist mit Ahnung und Achtung an die Atelier-Gemeinschaft heran. Das war nicht immer so. Früher gab es Auftragsarbeiten mit Limitationen. Diese Jobs hat man dann als echte Challenge angesehen. Es wurde versucht, ein reduziertes, aber für beide Seiten angenehmes Ergebnis zu erzielen. Manche Leute wollten einfach nur ´ne New York Skyline haben. Ist ja auch gut so. Denn während man so ein paar hundert Fenster auf die Wolkenkratzer malen muss, kann man fett an seiner Technik feilen. Doch auch damit ist nach dem x-ten mal schluss. Irgendwann mal hat man einfach keinen Bock mehr auf NYC Skylines. Als es dann soweit war, dass die vier Getting Upper sich ihre Aufträge aussuchen konnten, wussten sie, dass sich verdammtnochmal alle Anstrengungen bis eben dahin gelohnt haben. Wobei noch gesagt werden muss, dass man durch Auftragsarbeiten von Leuten, die gar keinen Plan von Graffiti hatten, komplett neue Ideen, Intentionen und Sichtweisen bekommt. Denn die “Unwissenden” wissen über ganz andere Dinge Bescheid - each one teach one!   

Know  your Roots
Ist es noch Graffiti oder nicht? Ist es eine Ausstellung oder kommerzieller Sellout? Gute Frage, setzen. Eins ist sicher, die vier Herren wissen, welche Roots sie haben. Daddy Cool, Guinness-Buch-Rekordhalter für das höchste Graffiti der Welt, vertritt die Meinung, das Kunst nicht in Metern gemessen werden kann. Es geht nicht um Fame und Mega-Coverage. Christoph, Gerrit, Heiko und Mirko haben einfach nach einer Möglichkeit gesucht, in Ruhe ihrer wirklichen Leidenschaft nachgehen zu können, um so ihr Leben bestreiten zu können. Was Getting Up praktiziert, ist eine logische Entwicklung auf dem Fundament Graffiti. Die subkulturelle Kunstform wird auf neue Ebenen und Wege gebracht. 
 

Collaborazione
Der Zusammenschluss der vier Künstler eröffnet viele neue Perspektiven, welche im einzelnen wahrscheinlich gar nicht checkbar wären. Projekte, von denen man alleine noch nicht mal zu träumen wagt. Träumen tut man eh meist von ganz anderen Zeugs. Wobei Sachen wie das Dock 10 in Hamburg eher die Ausnahme darstellt. First of all geht es um die Bündelung der vorhanden Kräfte. May the force be with you... Gemeinsam arbeitet man an grossen Projekten, welche ihrer Professionalität wegen clean über die Bühne gehen. Dabei bleibt der Focus aber immer auf dem Malen. Und trotz aller Kooperation hat jeder der Vier immer noch seine eigenen Projekte laufen.


Für deren Realisierung zieht man sich dann auch schneckenhaus-mässig zurück. Erreicht einer der Vier einen neuen Punkt, so dient dieser neue Level allen und wird mit neuen Komponenten weiter und zurück gegeben. So pusht man sich gegenseitig zu neuen Styles und hält so den Energie- und Ideenaustausch im flow, was sich auf alle Arbeiten, ob nun Auftrag oder Frei, auswirkt. Diese Dynamik ermöglicht es erst, von so etwas zu Leben und einen eigenen Weg zu beschreiten. Erst dann, wenn man alles selber in der Hand hat, kann man frei agieren.

Work in Progress
Dieser Frieden und die Freiheit bringen logischerweise den Fortschritt, welcher nötig ist, um neue Wege zu beschreiten. Sicher gibt es genug Hardliner und Headz, die mit Graffiti in der bekannten Form zufrieden sind und Graffiti auch so mit ins Grab nehmen. Aber nach wie vor kann man hier den Fortschritt und die Entwicklung nicht aufhalten. Checkt man Graffiti in Deutschland über die letzten 18 Jahre, sieht man, dass bestimmte Trends und Moden sich die Klinke in die Hand drücken. Genauso erkennt man auch die Entwicklung, welche die Subkultur durchgemacht hat. Mit all ihren  schönen und beschissenen Seiten. Sollte es in zehn oder zwanzig Jahren auch so sein, dass man auf die 90er und 2000 zurückblickt und die Arbeiten ihrer Zeit zuordnen kann - und sie alt aussehen?  Ja, und wir freuen uns auf die Sachen die kommen. Man soll sich nicht damit aufhalten, das Leben zu kritisieren, sondern es leben!

...for the love of art.